Permakultur und Landwirtschaft – ein Zukunftsmodell?

Ein Rückblick auf den ersten waldgarten.global Online-Dialog

Landwirtschaft nach den Prinzipien der Permakultur erfolgreich entwickeln. Welche Chancen bieten sich für interessierte Bäuerinnen und Bauern und solche, die es noch werden möchten? Im ersten waldgarten.global Online-Dialog diskutierten namhafte Expert/innen dieses spannende Thema.

waldgarten.global setzt mit dem waldgarten.global Online-Dialog Impulse für eine Etablierung der Permakultur in der Landwirtschaft und initiiert eine zusätzliche Vernetzung von engagierten Visionärinnen und Visionären aus den Bereichen Landwirtschaft, Permakultur und Agroforst.

Zu Beginn der Veranstaltung geben ausgewiesene Expertinnen und Experten in ihren Eingangsstatements vielfältige Einblicke ins Thema und spannen den Bogen für die einzelnen Herausforderungen, die es zu meistern gilt, um die Gestaltungsprinzipien der Permakultur im großen Stil in der Landwirtschaft zu verankern.

02-12-2022 waldgarten.global Online-Dialog

Hannelore Zech in ihrem Mienbacher Waldgarten. 

Hannelore Zech

Mienbacher Waldgarten | Permakultur, Selbstversorgung und noch mehr

Hannelore Zech ist Permakulturistin und Betreiberin des Mienbacher Waldgartens im Ausmaß von 1,5 ha. Sie meint, es braucht Mut und Durchhaltevermögen, bis Permakultur- bzw. Waldgartensysteme hochgefahren sind. Sie erinnert an die Etablierung der Biolandwirtschaft und weist darauf hin, dass diese Produktionsweise ebenfalls Jahrzehnte gebraucht hat, bis sie sich durchsetzen konnte. Im zweiten Gedanken spricht sie die Größe von Permakultur- bzw. Waldgartenanlagen an und meint, dass eine Anlage bis zu fünf Hektar überschaubar bleibt und auch ohne großen technischen und maschinellen Einsatz zu bewirtschaften ist.

Heinrich Ledebur

Heinrich Ledebur kann auf eine langjährige Erfahrung als Verwalter von großen Gutsbetrieben verweisen und bewirtschaftet derzeit in Norddeutschland, inmitten von Großbetrieben mit über tausend Hektar einen 2,5 ha großen Betrieb. Er meint, dass wir uns in Zukunft ökologisch ernähren werden, oder gar nicht mehr. Die Permakultur zeigt für ihn als Landwirt Basisprinzipien auf, die es gilt, einzuhalten. Eine entscheidende Frage gilt es aus seiner Sicht zu beantworten: Wie erzeugen wir marktfähige Mengen und wie gestalten wir die Vermarktung und die arbeitswirtschaftlichen Herausforderungen? Aus seiner Sicht braucht es mehr Aufklärung und Wissensvermittlung über Permakultur bei Landwirten. Um die Permakultur zu einem Erfolgsmodell in der Landwirtschaft zu machen, muss auch der Einsatz von angepasster Mechanisierung berücksichtigt werden.

Jahrzehntelange Erfahrung geben Heinrich Ledebur ein besonderes Gespür für den Boden.

Bernhard Gruber kann auf jahrzehntelange, internationale Erfahrungen mit Permakulturdesign zurückgreifen..

Bernhard Gruber

Mit Permakultur Zukunft gestalten! – Bernhard Gruber (wordpress.com)

Bernhard Gruber vom österreichischen Waldgarteninstitut weist darauf hin, dass die Permakultur ein Gestaltungskonzept für zukunftsfähige Lebensräume ist und natürlich auch auf landwirtschaftlichen Betrieben umsetzbar ist. Den Landwirten fehlt aus seiner Sicht aber zum großen Teil die Vision und die Begeisterung für diesen Weg. Waldgartensysteme sind für ihn die Königsdisziplin unter den Agroforstsystemen und bieten sehr viel Gestaltungsspielraum. Wir müssen auch lernen, Pflanzen zu vermarkten, die wir bisher nicht beachtet haben. Beispielsweise mehrjähriges Gemüse, Brennnessel oder Giersch. Es braucht aber andere Vermarktungswege, weil es schwer sein wird, vielfältige und vor allem andere Produkte über Supermärkte zu vermarkten.  Für den Einstieg empfiehlt er eine optimale Größe von neu angelegten Waldgärten mit einem Ausmaß von maximal 5.000 m2. Damit könnte die Permakultur als ein zusätzliches Standbein und Experimentierfeld auf Bauernhöfen etabliert werden.

Roland Teufl

Roland Teufl ist Berater für Agroforstsysteme bei Bio-Austria, dem größten Bioverband in Österreich. Er stellt sich zu Beginn die Frage, wieviel Permakultur in den einzelnen Agroforstsystemen steckt? Viele Prinzipien der Permakultur sind durch Agroforstsysteme abgebildet. Er beschreibt ausführlich die einzelnen Systeme von der Reihenpflanzung von unterschiedlichen Bäumen im Ackerbau, unterschiedlichen Waldweidesystemen, vielfältigen Streuobstwiesen, bis hin zu intensiven Waldgärten. Er gibt zu bedenken, dass Waldgartensysteme mit hoher Flächenproduktivität auch viel manuelle Arbeit erfordern. Dabei gilt es die Frage zu beantworten, wie man die Arbeitszeit optimieren kann? Beispielsweise zeigt Stefan Sobkowiak Les Fermes Miracle Farms – Permaculture Orchard in seinen vielfältigen Obstgärten mit Unterbewuchs auf, wie ertragreicher Obstbau nach Permakulturprinzipien möglich ist. Er erwähnt auch Mark Shepards New Forest Farm – Redesigning Agriculture in Nature’s Image Restauration Agriculture, mit der er einen 50 ha großen Betrieb in ein erfolgreiches Waldgartensystem umgewandelt hat. Roland ist fest davon überzeugt, dass es individuelle, betriebsspezifische Konzepte braucht, um Waldgartensysteme erfolgreich aufzubauen. Dabei sollten sich umstellungsbereite Menschen folgende Fragen stellen: Was habe ich für eine Ressourcenbasis?  Was gibt mein Standort her?  Welche Vermarktungsmöglichkeiten habe ich und wie integriere ich das auf meinem Betrieb? Das Grundprinzip dabei sollte es sein, zu beobachten und dann zu handeln. Entscheidend ist für ihn, dass Permakultur und Agroforstsysteme die Landwirtschaft durch ökologische und wirtschaftliche Effekte und durch eine vielfältige Bewirtschaftung resilienter machen können.

Roland Teufl zeichnet ein Bild der unterschiedlichen Agroforstsysteme und ist ein profunder Kenner der Pflanzenvielfalt. 

Geburtstagsfeste, Hochzeiten und eine Vielzahl an kulturellen Veranstaltungen bereichern das Angebot am Bio-Erlebnishof Teix.

Stephan Teix

Bio – Erlebnishof Stepahn Teix

Stephan Teix ist Biobauer, erfolgreicher Direktvermarkter und Erlebnisbauer aus Niederösterreich. Er bewirtschaftet seinen Hof mit 33 ha seit langem nach biologisch-dynamischen Kriterien und hat in den letzten Jahren damit begonnen, Permakulturelemente zu integrieren. Auch er meint, dass es einen langen Atem braucht, um abseits des Mainstreams konventioneller Landwirtschaft neue Wege zu beschreiten. Schritt für Schritt vergrößert er die Vielfalt auf seinem Betrieb und beobachtet, wie die Erträge von Jahr zu Jahr besser werden. Die Kreislaufwirtschaft etabliert sich allmählich und er wächst mit jedem Jahr mehr in die Permakultur hinein. Wichtig erscheint ihm, dass sich das System selbst stützen und gesund halten soll. Aus seiner Sicht braucht es Mut, Zuversicht und Geduld.

Wie finde ich die passende Fläche?

In der anschließenden Diskussion kristallisieren sich zwei Themenschwerpunkte heraus, die aus vielfältiger und zum Teil kontroversieller Perspektive betrachtet werden.

Einerseits steht die Frage im Raum, wie junge, engagierte Menschen, die keine Flächen besitzen, zu Grundstücken kommen können, um Permakulturprojekte zu schaffen? Durch die Auflösung von landwirtschaftlichen Betrieben kommt es in der Regel zu Verpachtungen an Betriebe, die den Weg der agroindustriellen Entwicklung eingeschlagen haben und die aufgrund der Bevorzugung durch das Agrarfördersystems in der Lage sind, bessere Pachtpreise zu bezahlen. Da in diesen Fällen die Flächen im Eigentum bleiben, müsste bei den Verpächtern das Bewusstsein für eine ökologische Form der Bewirtschaftung gestärkt werden. Im Zuge der Diskussion werden einige Beispiele von Hofbörsen und anderen Netzwerken genannt, die jungen Menschen eine Möglichkeit zum Einstieg in die Landwirtschaft bieten.

In fast jeder Gemeinde gibt es Familien, die ihre Flächen verpachtet haben und für eine ökologische und vielfältige Bewirtschaftung gerne zur Verfügung stellen.

Geschäftsmodelle für Permakulturhöfe

Der zweite Themenschwerpunkt in der Diskussion befasst sich mit der Frage nach praktikablen Geschäftsmodellen für Permakulturbetriebe, damit diese Betriebe mit der Produktion von Lebensmittel ausreichend Einkommen erwirtschaften können. Mögliche Ansatzpunkte dafür sind beispielsweise das Market Gardening Konzept, die Integration von Dammkulturen in der Gemüseproduktion sowie digitale Vermarktungsformen. Es zeigt sich, dass der Quereinsteigerwille sehr groß ist, das Wissen und die Anwendungsformen für gute Geschäftsmodelle jedoch noch besser und breiter dargestellt und vermittelt werden soll. Vielfalt kann vor allem in der Vermarktung und in der Arbeitswirtschaft an Grenzen stoßen. Betriebswirtschaftlich ist es zielführend, sich auf eine begrenzte Anzahl von Be- und verarbeiteten Produkten zu konzentrieren und andere Produkte eventuell über arbeitssparende Selbsterntesysteme zu vermarkten. Entscheidend dafür ist auch die Lage des Betriebes und das dazugehörende Einzugsgebiet mit der jeweiligen Größe der Bevölkerung. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Modelle der solidarischen Landwirtschaft bzw. Genossenschaftsmodelle, wodurch das klassische Produzenten-Konsumenten-Denken aufgehoben wird.

Basis für Vernetzung und Erfahrungsaustausch

Mit dem Online-Dialog konnte eine gute Basis für eine weiterführende Vernetzung geschaffen werden. Allen Teilnehmer/inen sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Wir werden dem Wunsch nach einer Fortführung des Dialoges gerne nachkommen und für das Frühjahr 2023 den zweiten Online-Dialog planen.

Ebenfalls für das Frühjahr 2023 ist ein Kompaktkurs für Einsteiger/innen in die Gestaltung von Waldgärten mit einer intensiven Begleitung und einer Schwerpunktsetzung auf den betriebswirtschaftlichen Aspekt geplant. Gerne könnt ihr euch mit einem E-Mail an office@waldgarten.global bereits unverbindlich voranmelden und werdet über den Start des Kurses rechtzeitig informiert.

In diesem Sinne wünsche ich allen viel Erfolg und vor allem eine gute Zeit.

Liebe Grüße
Euer Waldgärtner Reinhard

„Geben wir der Natur ein Stück Land zurück!“

waldgarten.global bietet allen interessierten Menschen eine Plattform und unterstützt mit Bildungs- und Beratungsangeboten.

Weiterführende Links:

Arbeitsgemeinschaft Agroforst in Österreich
www.arge-agroforst.at

Agroforst-Infoseite vom FIBL-Österreich
https://agroforst-oesterreich.at/

Waldgarten-Allmende Allhartsberg (Niederösterreich) – Newsletter (ca 4x im Jahr) zum selber eintragen auf Startseite rechts:
www.gega4all.at

Bewegung für Ernährungssouveränität – gibt’s auch weltweit, hier in Ö:
https://www.ernährungssouveränität.at/

Munus-Stiftung:
https://munus-stiftung.org/

Mark Shepards Restoration Farming:
http://www.restorationag.com/

2 Kommentare
  1. Dörte Schmeidewind sagte:

    Hallo Ihr Lieben,

    spannende Einsichten aus diesem interessanten Dialog und Chapaeu dafür, dass sich so viele Menschen auf den Weg gemacht haben und hoffentlich noch machen werden. Chapeau auch deshalb, weil es viel Trotz im besten Sinne des Wortes benötigt, neben Zuversicht, Kreativität und Mut. In der tradierten Landwirtschaft gibt es zunehmende Aufmerksamkeit neben den müden Belächlern. Leider stecken viele landwirtschaftl. Betriebe in der Arbeits-, Investitions- und damit einhergehend auch in der Schuldenfalle. Und wenn sich ein Betrieb mit diesem Aufwand und all den propagierten „modernen“ Maßnahmen kaum halten lässt, wie soll es dann mit einer abenteuerlichen Umstellung funktionieren, die noch mehr Arbeit, noch mehr Risiko und kaum Aussicht auf auskömmliche Vermarktung – und das, wo die Mehrheit der „Verbraucher*Innen“ gerade noch mehr das Geld fest halten? Die Meinung herrscht vor, dass ein Waldgarten oder eine Polyfacefarm wohl nur funktioniert, wenn die GAP oder andere Förderungen die erbrachten Gemeinwohlleistungen zukünftig deutlicher hornoriert oder eben Verbraucher in den Regalen keine Wahl mehr haben werden, auf billige Massen- und Überseeprodukte ausweichen zu können (auskömmliche Erzeugerpreise). Alles andere sind Nischen, die besetzt werden können, solang es der kleine Nischen-Markt her geben kann. Und viele Waldgartenprojekte leben eigentlich von Arbeit und Mithilfe noch weiter unterhalb des Mindestlohnes und nichtlandwirtschaftlicher Einnahmen aus Bücherverkauf, Bildungsbetrieb usw.. Wenn das anders werden soll, und die Ansätze sich viel deutlicher verbreiten sollen, braucht es wichtige politische Stellschrauben, für die u .a. Organisationen wie die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (ABL) oder die Regionalwert AG seit Jahrzehnten kämpfen.
    Es liegt nicht an den Methoden! Viel mehr Landwirt*Innen wären begeistert, neu zu denken, auszuprobieren und umzusetzen anstatt aufzugeben. Es sind noch immer sehr ungünstige Rahmenbedingungen, die das verhindern. Umso wichtiger und geradezu heroisch war und ist das TROTZ für die Pioniere und Umsetzer wie Ihr. Bitte nicht aufgeben und weiter so!

    Antworten
  2. Reinhard Engelhart sagte:

    Liebe Dörte Schmeidewind!
    Herzlichen Dank für deinen Kommentar und deine aufmunternden Worte. Ich bin ganz bei dir, dass die flächenbezogene Förderung des Agrarsystems in Österreich dazu geführt hat, dass wir so viele kleinstrukturierte Betriebe verloren haben. Seit vielen Jahren versuche ich bereits darauf hinzuweisen, dass wir eine betriebsbezogene Förderung brauchen und habe im Rahmen meiner Dissertation zum Thema Hofnachfolge auch darauf hingewiesen. In unserem Blog findet sich dazu auch ein tiefgehender Beitrag, den ich gerne noch einmal hervorheben möchte.
    https://www.waldgarten.global/wp-content/uploads/2020/10/Waldgarten_Text_Agrarstruktur.pdf

    Bezüglich der Anwendbarkeit von Waldgartensystemen habe ich eine etwas optimistischere Sichtweise. Gerade durch die vielfältige Gestaltungsmöglichkeit bieten sich zahlreiche Umsetzungsmöglichkeiten. Alle diese Möglichkeiten weisen eine verhältnismäßig kapitalextensive Umsetzungsstrategie auf und sind neben noch aktiven landwirtschaftlichen Betrieben auch für Haushalte, die ihre Flächen bereits verpachtet haben und für Neu- bzw. Quereinsteiger/innen eine mögliche Alternative zur aktuellen Haushaltsstrategie.
    Die lange Umsetzungsphase, bis Waldgartensysteme in den Ertrag kommen, kann einerseits dafür genutzt werden, langsam in diese neue Form der Erwerbswirtschaft einzusteigen und Märkte aufzubauen, es ist aber auch möglich, in der Jugendphase die zum Teil noch offenen und lichtdurchfluteten Flächen mit intensiver Produktion von Gemüse, Kräutern und Spezialkulturen zu nutzen.
    Möglicherweise hast du recht, dass Waldgartensysteme zur Vermarktung Nischen brauchen. Ich sehe aber so viele Nischen, dass ich fest davon überzeugt bin, dass es mehr Nischen als Waldgärten geben wird.
    Auch die Biolandwirtschaft war vor 40 Jahren eine Nische, von der damals nur die wenigsten überzeugt waren, dass sie sich durchsetzen wird.

    Ich freu mich auf eine Fortsetzung dieses hilfreichen Dialoges und lade dich ganz herzlich zu uns am Biohof bzw. zu einer unserer nächsten Online-Diskussionen ein.
    Mit lieben Grüßen,
    Reinhard Engelhart

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