Agrarstruktur in Österreich

Hinsichtlich der Wirkung des Sozialkapitals konnte in Kapitel 6.2.11. der Nachweis erbracht werden, dass Betriebsleiter/innen, die langfristig eine Ausweitung des Produktionsumfanges planen, eine signifikant geringere Ausprägung beim Sozialkapitalfaktor „Verbundenheit innerhalb der Bauernschaft“  aufweisen und dieser Zusammenhang sich mit großer Wahrscheinlichkeit dadurch erklärt, dass Betriebsleiter/innen, die gemäß der Typologie des Strategieprozesses der Landwirtschaftskammer Österreich (vgl. LKÖ, 2016) zu den „Wachstumsgetriebenen“ bzw. zu den „Kämpfern“ zählen, ihre Wachstums- bzw. Intensivierungsstrategien auf Kosten jener Betriebe verwirklichen, die durch Aufgabe ihrer Betriebe aus den Produktionsprozess ausscheiden. Im Beitrag zur Diskussion um die Veränderung der Agrarstruktur unter dem Aspekt des Sozialkapitals gilt es an dieser Stelle festzuhalten, dass die zuvor dargestellte Erschwernis in der Bewirtschaftung kleiner landwirtschaftlicher Betriebe vor allem durch die Rahmenbedingungen in der Gestaltung des landwirtschaftlichen Ausgleichszahlungssystems begründet liegt. Im Sinne der Sozialkapitaltheorie darf die Annahme getroffen werden, dass die spezifische Gruppe von Bäuerinnen und Bauern aus dem Kreis der „Wachstumsgetriebenen“ und „Kämpfer“ ihren Einfluss durch die Ausübung von Funktionen in den unterschiedlichsten gesellschaftspolitischen Gremien nutzt, um die agrarpolitischen Rahmenbedingungen zu ihren Gunsten zu gestalten. Diese Annahme würde jedoch voraussetzen, dass die Funktionärinnen und Funktionäre der genannten spezifischen Gruppe in den jeweiligen Gremien überproportional besetzt wären bzw. durch ihre Vernetzung und ihre sozialen Beziehungen maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen ausüben.

Die Höhe der Wirkung des Sozialkapitals, die sich durch die Einflussnahme von Funktionärinnen und Funktionären auf die Gestaltung der agrarpolitischen Rahmenbedingungen ergibt, kann mit dem vorhandenen Datenmaterial nicht berechnet werden. Unter dem Aspekt der in Kapitel 6.2.10. beschriebenen Mosaik- bzw. Bündelthese darf jedoch die Annahme getroffen werden, dass die genannte Einflussnahme als Ganzes betrachtet wiederum Teil von etwas größerem Ganzen ist und die Entwicklung der gesetzlichen und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Bezug auf die Agrarstruktur von zahlreichen anderen Einflussfaktoren, wie beispielsweise der großen Zahl an Mitarbeiter/innen der institutionellen Einrichtungen auf regionaler und überregionaler Ebene und der daraus resultierenden Vernetzung und Nutzung sozialer Ressourcen abhängig ist. Berechnet und mit quantitativen Analysemethoden nachgewiesen werden kann hingegen der Zusammenhang zwischen den gegenwärtigen agrarstrukturellen Rahmenbedingungen und der deutlich geringeren Hofnachfolge bei Nebenerwerbsbetrieben und bei Klein- und Kleinstbetrieben. Die Tatsache, dass Betriebsleiter/innen von Nebenerwerbs- bzw. von Klein- und Kleinstbetrieben deutlich seltener ehrenamtliche Funktionen ausüben und in weiterer Folge dadurch eine geringere Einflussnahme auf die Gestaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen inne haben, darf als Beispiel der Wirkung des Sozialkapitals dienen. Die daraus resultierende Konsequenz in Form einer geringeren Wahrscheinlichkeit einer gesicherten Hofnachfolge dieser bäuerlichen Betriebe spiegelt die Bedeutung des Sozialkapitals für den Prozess der Hofnachfolge wieder und ist darüber hinaus ein Spiegelbild unserer gesellschaftlichen Werthaltung, in der all jene Personen und Gruppen, denen es aus den unterschiedlichsten Gründen heraus nicht gelingt, ihre Anliegen und Bedürfnisse mit der gebotenen Lautstärke zu artikulieren, soziale Marginalisierung in Kauf nehmen müssen.

Autor: Reinhard Engelhard

Literatur:

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