Agrarstruktur in Österreich

Weiters kann auch die Einstellung zur Überlebensfähigkeit des Betriebes Rückschlüsse auf die Situation der Hofnachfolge geben. Sie gilt als Maß für die Selbsteinschätzung der Betriebsleiter/innen und es darf vorweg die Annahme getroffen werden, dass Betriebe, denen seitens der Betriebsleitung keine langfristige Überlebensfähigkeit zugetraut wird, auch seltener festgelegte bzw. in Aussicht stehende Nachfolger/innen aufweisen. Diese Annahme kann mit dem vorhandenen Datensatz bestätigt werden. Mit höchst signifikanten Abweichungen gibt es hinsichtlich der Einschätzung der langfristigen  Überlebensfähigkeit des Betriebes Unterschiede zwischen Nebenerwerbs- und Vollerwerbsbetrieben. Auf das Statement „Unser Betrieb ist langfristig überlebensfähig“ antworten 20,7% der Vollerwerbsbetriebe aber nur 4,0% der Nebenerwerbsbetriebe mit der Antwort „trifft voll zu“. Demgegenüber verneinen 38,4% der Nebenerwerbsbetriebe, aber nur 14,1% der Vollerwerbsbetriebe diese Aussage. Anhand des Chi-Quadrat-Tests ist diese Analyse mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit von unter 0,1% (p<0,001) abgesichert. Mit der gleichen Fehlerwahrscheinlichkeit und damit mit höchster Signifikanz sprechen einerseits lediglich 4,5% der Betriebsleiter/innen von Betrieben unter zehn Hektar ihren Betrieben eine langfristige Überlebensfähigkeit voll zu, aber andererseits vertreten 45,9% der Betriebsleiter/innen von Betrieben über 50 ha die Überzeugung, dass die langfristige Überlebensfähigkeit ihrer Betriebe voll zutrifft.

Darüber hinaus zeigt auch das Ergebnis der multivariaten Analyse in Kapitel 6.2.10. eindeutig, dass die Einschätzung der langfristigen Überlebensfähigkeit des Betriebes einen maßgeblichen Einfluss auf die Höhe der Gesamtwahrscheinlichkeit einer gesicherten Hofnachfolge hat. Im Rahmen der Analyse der Einschätzung zur Überlebensfähigkeit der bewirtschafteten Betriebe fällt auf, dass mit den genannten 38,4% an Nebenerwerbsbetrieben, die sich selbst keine langfristige Überlebensfähigkeit einräumen, deutlich mehr Nennungen in Richtung Betriebsaufgabe weisen, als dies bei der Beantwortung der Frage nach einer gesicherten Hofnachfolge der Fall ist. Hier geben lediglich 25,6% der Betriebsleiter/innen von Nebenerwerbsbetrieben an, dass die Hofnachfolge weder gesichert ist, noch ein/e bestimmte/r Hofnachfolger/in in Aussicht steht. Bei den 12,8% Nebenerwerbsbetrieben in der Befragung, die ihren Betrieben keine langfristige Überlebensfähigkeit einräumen aber zumindest eine/n Hofnachfolger/in in Aussicht haben, dürfte wohl die Hoffnung auf eine zukünftige Änderung des agrarpolitischen Ausgleichszahlungssystems einer der Gründe für eine Hofübergabe sein.

Diese Hoffnung wird unter anderem von einer zentralen Erkenntnis des Weltagrarberichtes der UNO genährt, der sich zum Schutz der bäuerlichen Klein- und Kleinstbetriebe für eine Änderung bzw. Neuausrichtung der agrarpolitischen Zahlungsmechanismen ausspricht. Die Empfehlung des Weltagrarberichtes läuft dabei, auch in Kenntnis der schwierigen, politischen Entscheidungen, vor allem auf eine Neuausrichtung der agrarpolitischen Zahlungsmechanismen bei den Umweltschutzleistungen in Richtung einer besseren Unterstützung von landwirtschaftlichen  Kleinbetrieben hinaus: „New payment mechanisms for environmental services by public and private utilities such as catchment protection and mitigation of climate change effects are of increasing importance and open new opportunities for the small-scale farm sector“. (IAASTD, 2008, S. 16-17) Sollte sich diese Empfehlung durchsetzen, könnte der Strukturwandel in der Landwirtschaft mit großer Wahrscheinlichkeit im Sinne der Erhaltung von Klein- und Kleinstbetrieben verändert werden.

Abschließend soll mit der dritten Frage des Beitrages der Zusammenhang zwischen der Wirkung des Sozialkapitals und der Veränderung in der Agrarstruktur beleuchtet werden. Basierend auf einer repräsentativen Umfrage zur Situation der landwirtschaftlichen Betriebe in Österreich aus den Jahren 2008 bis 2014 und einer zusätzlichen Befragung im März 2016 (vgl. MAYR, 2016) sowie unter wissenschaftlicher Begleitung durch das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (SINABELL, 2016) initiierte die Landwirtschaftskammer Österreich (LKÖ) einen Strategieprozess, indem unter anderem die österreichischen Landwirt/innen anhand einer Analyse in sechs Typen unterteilt wurden. (vgl. LKÖ, 2016) Unterschieden wird darin zwischen den „Wachstumsgetriebenen“, die in Summe ca. 13% der Landwirtinnen und Landwirte repräsentieren und die sich durch Wachstums-, Spezialisierungs-, Intensivierungs- und Automatisierungsstrategien auszeichnen. Daneben gibt es in einem Ausmaß von 21% die „Kämpfer“ mit ihren Kostensenkungs- und Spezialisierungsstrategien, die „Etablierten“ im Ausmaß von 17% mit Direktvermarktungsstrategien und der Strategie der Produktion von Sonderkulturen, in weiterer Folge die „engagierten Kleinbauern“ ebenfalls im Ausmaß von 17% mit Nebenerwerbs- und Direktvermarktungsstrategien und letztlich die „Aussteiger“ im Ausmaß von 15% und die „Perspektivenlosen“ im Ausmaß von 17% mit Extensivierungs- und Ausstiegsstrategien.

Fasst man nun im Sinne des Beitrages zur Diskussion um die Veränderungen in der Agrarstruktur unter dem Aspekt des Sozialkapitals diese sechs Typen von Landwirt/innen in zwei Gruppen zusammen, nämlich in die eine Gruppe von Landwirt/innen, die vom derzeitigen agrarpolitischen System der Ausgleichszahlungen überproportional profitieren und in eine zweite Gruppe, die durch das derzeitige Ausgleichszahlungssystem in deutlich geringerem Ausmaß profitieren, so zeigt sich folgendes Bild: mit 34% sind jene Landwirt/innen aus den Bereichen der „Wachstumsgetriebenen“ und der „Kämpfer“ mit etwas mehr als einem Drittel deutlich in der Minderheit, profitieren aber ungleich mehr vom derzeitigen agrarpolitischen System. Es drängt sich dabei die Frage auf, wie weit die Gruppe der „Profiteur/innen“ vom derzeitigen agrarpolitischen System durch die Anwendung der Mechanismen des Sozialkapitals im Sinne einer Nutzung von individuellen und gemeinschaftlichen Ressourcen ihren Einfluss geltend machen, um auf diese Weise im Sinne einer Einflussnahme auf die Gestaltung der agrarpolitischen Rahmenbedingungen in Form von Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien ihr soziales Kapital beispielsweise über den Weg der Ausgleichszahlungen in ökonomisches Kapital verwandeln. Hinter dieser Frage steht  die Annahme, dass die agrarpolitischen Funktionärinnen und Funktionäre der einzelnen gesellschaftspolitischen Einflussebenen ihre Funktion auch dahingehend nutzen, um die jeweiligen Gesetze, Verordnungen und Richtlinien in eine, ihrem Eigennutzen und dem Nutzen ihrer Gruppe passende Richtung zu beeinflussen. Sollte diese Annahme zutreffen, wäre dies ein gutes Beispiel für die Wirkung der dunklen Seite des Sozialkapitals, die in Kapitel 2.1. dargestellt wurde. In diesem Sinne würden die bäuerlichen Funktionärinnen und Funktionäre nicht als Vertreter/innen der Gesamtheit der Bauernschaft betrachtet werden können, sondern als Interessensvertreter/innen ihrer jeweiligen spezifischen Gruppe. Dadurch würde sich zu einem guten Teil die Entwicklung der agrarpolitischen Rahmenbedingungen hin zu einer Bevorzugung eines Teils der landwirtschaftlichen Betriebe erklären. SCHERMER und KIRCHENGAST (2006, S. 50) argumentieren diesen Aspekt folgendermaßen: „Es gibt also nicht eine Zukunft der Landwirtschaft, sondern Zukünfte, die von unterschiedlichen Bauern/Bäuerinnengruppen verschieden genutzt werden. Es gibt auch nicht „den Bauern“ bzw. „die Bäuerin“, selbst wenn wir von vorherrschenden bäuerlichen Familienbetrieb ausgehen, sondern eine Reihe unterschiedlicher Lebensentwürfe und Werthaltungen, die teilweise um die gesellschaftliche Unterstützung konkurrieren und unterschiedliche Ansätze verfolgen, um mit den derzeitigen und künftigen Rahmenbedingungen umzugehen und auf diese erfolgreich zu reagieren.“

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