Agrarstruktur in Österreich

Beitrag zur Diskussion um die Veränderungen in der Agrarstruktur in Österreich unter dem Aspekt des Sozialkapitals

Der Großteil der landwirtschaftlichen Familienbetriebe in Österreich wird im Rahmen einer innerfamiliären Hofnachfolge an die nächste Generation weiter gegeben. Wie in Kapitel 6.2.6.[1] festgehalten, haben von den an der Befragung teilnehmenden Betriebsleiter/innen 16,2% der Befragten angegeben, dass sie ihre Hofnachfolge noch nicht festgelegt und auch keine/n Hofnachfolger/in in Aussicht haben. Im Rahmen dieses Diskussionsbeitrages soll der Blick auf jene Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter gerichtet werden, denen aus unterschiedlichen Gründen heraus die Weitergabe ihrer Betriebe an die nachfolgende Generation verwehrt geblieben ist.

Die Veränderungen in der Agrarstruktur zeigen eine Entwicklung, die unter dem Begriff des Strukturwandels in der Landwirtschaft seit Jahrzehnten in Österreich und auch innerhalb der Europäischen Union sowie in zahlreichen anderen, industrialisierten Ländern feststellbar ist. In diesem Beitrag soll einerseits aufgezeigt werden, welche Betriebe in Österreich vorwiegend still gelegt werden, welche Ursachen hinter der Entscheidung zur Betriebsaufgabe liegen und in weiterer Folge soll die Frage beantwortet werden, wie weit die Wirkung des Sozialkapitals einen Einfluss auf die Veränderung der Agrarstruktur in Österreich hat.

            Die Hofnachfolge, bzw. die Tatsache, dass Betriebsleiter/innen keine Hofnachfolger/innen finden, ist eine zentrale Ursache, durch die landwirtschaftliche Betriebe still gelegt werden. Nicht nur die diesbezüglichen Ergebnisse der vorliegenden Arbeit (siehe Kapitel 6.2.8.) und die Ergebnisse der in Kapitel 3. zitierten Arbeiten, beispielsweise GROIER (2004), WEISS (2006) und QUENDLER et.al. (2015) bestätigen die Annahmen, dass der Großteil der Betriebsauflösungen mit dem bzw. kurz nach dem Erreichen des Pensionsantrittsalters der Betriebsleiter/innen erfolgt. Die manchmal plakativ als „Bauernsterben“ dargestellte Entwicklung in der Agrarstruktur in Österreich ist in dieser Hinsicht ein leises, auf den ersten Blick unauffälliges, Ausscheiden im Sinne eines Übergleitens in die Welt des Ruhestandes.

            Um jenen Betrieben, die im Hofnachfolgeprozess keine Nachfolger/innen gewinnen können, ein Gesicht zu geben und sie auf eine gewisse Art zu personalisieren, genügt ein Blick in die Agrarstatistik. Diese weist im „Grünen Bericht“ 2016 (BMLFUW, 2016, S. 58) in Österreich vor allem einen Rückgang bei den Klein- und Kleinstbetrieben aus. So haben im Zeitraum zwischen 1995 und 2013 von den Betrieben unter zwei Hektar 50,9% ihre Bewirtschaftung aufgegeben. Bei den Betrieben von zwei bis unter fünf Hektar waren es im selben Zeitraum 43,1% und von den Betrieben mit einem  bewirtschafteten Flächenausmaß von fünf bis unter zehn Hektar legten im genannten Zeitraum immerhin noch 36,5% der Betriebsleiter/innen ihre Betriebe still. Ein weiteres Charakteristikum der ausscheidenden Betriebe findet sich in der Erwerbsform. Im Vergleich zwischen der Agrarstrukturerhebung der Jahre 1995 (BMLF, 1996, S. 49) und 2013 (BMLFUW, 2016, S. 58) verringerte sich der Anteil der Nebenerwerbsbetriebe in Österreich von 66,0%  auf 55,1% wohingegen die Zahl der Haupterwerbsbetriebe in diesem Zeitraum von knapp unter 34 % leicht auf 37,3% anstieg. Diese Entwicklung konnte in den Ergebnissen der vorliegenden Arbeit ebenfalls nachgewiesen werden, indem Nebenerwerbsbetriebe deutlich seltener eine gesicherte Hofnachfolge aufweisen als ihre im Haupterwerb wirtschaftenden Berufskolleg/innen  (siehe Kapitel 6.2.8.1.).

            Die zweite Frage dieses Beitrages betrifft die möglichen Ursachen der Betriebsaufgaben. Wenngleich viele der zugrundeliegenden Ursachen für eine Betriebsauflösung im Bereich der persönlichen Lebensumstände liegen und diese persönlichen Ursachen viel eher mit qualitativen Analysen sichtbar gemacht werden können, so gelingt es auch mit quantitativen Ansätzen auf grundsätzliche Ursachen für Betriebsaufgaben hin zu weisen.

Aufgrund der gemeinsamen agrarpolitischen Zielsetzung seitens der Europäischen Union und ihrer Mitgliedsländer herrscht in der gegenwärtigen europäischen Entwicklung landwirtschaftlicher Betriebe, vor allem durch die flächenbezogene und produktionsbezogene Verteilung der öffentlichen Gelder, ein Trend zur Vergrößerung landwirtschaftlicher Betriebe, der durch zusätzliche Skaleneffekte, wie beispielsweise der Fixkostendegression, noch weiter verstärkt wird. (vgl. SCHNEEBERGER, 2014) Durch diese ungleiche und vielfach direkt einkommenswirksame Verteilung öffentlicher Gelder können kleinere Betriebe nicht ausreichend Einkommen generieren und schließen sehr häufig aus wirtschaftlichen Gründen ihre Betriebe. Die Analyse der Verteilung der Ausgleichszahlungen und Prämien für die Landwirtschaft zeigt, dass kleinere Betriebe einen wesentlich geringeren Anteil an öffentlichen Geldern erhalten wie Betriebe mit größerer Flächenausstattung. SCHNEEBERGER (2014, S. 159) analysiert diesbezüglich die Daten des österreichischen Integrierten Verwaltungs- und Kontrollsystems (INVEKOS) aus dem Jahr 2012 und unterteilt in landwirtschaftliche Betriebe, die weniger als € 5.000,- an jährlichen Prämien erhalten und in Betriebe mit einem Prämienanteil von über € 50.000,-. In die erste Gruppe fallen 35,8% der österreichischen, landwirtschaftlichen Betriebe. Sie erhalten einen Anteil von 6,3% des Gesamtbetrages an öffentlichen Geldern. Dem gegenüber stehen 1,9% der landwirtschaftlichen Betriebe, die mehr als  € 50.000,- an öffentlichen Geldern in Anspruch nehmen konnten. Ihr Anteil am Gesamtbetrag an öffentlichen Geldern beträgt 12,8%. Speziell die direkt einkommensbildende Wirkung der öffentlichen Gelder führt zu einer unverhältnismäßig hohen Bevorzugung größerer Betriebe. SINABELL (2013) weist für die Jahre 2007 bis 2012 einen Anteil der öffentlichen Gelder am gesamten Faktoreinkommen bezogen auf eine Jahresarbeitseinheit in Höhe von 62,3% bis 86,8% aus. Das Faktoreinkommen umfasst dabei neben den Einkommen aus unselbständiger und selbständiger Arbeit auch Gewinne, Pachten und Schuldzinsen. Diesen einkommensbildenden Effekt der öffentlichen Gelder untersucht unter anderem auch HOFSTÄTTER (2008) in seiner Arbeit zur Erforschung der Auswirkungen von Betriebsgrößenwachstum auf den Betriebserfolg und die Arbeitsproduktivität in Marktfruchtbetrieben. Darin werden drei Modellbetriebe im Nordöstlichen Flach- und Hügelland hinsichtlich ihrer Betriebserfolge bewertet. Alle drei Betriebe sind viehlose Marktfruchtbetriebe. Ein Betrieb bewirtschaftet 25 ha, der zweite Betrieb 80 ha und der dritte Betrieb 200 ha. „Der größere Betrieb erreicht mit einem Betriebsergebnis von 152.789 € im Vergleich zum kleineren Betrieb mit 6.693 € ein Ergebnis, welches fast um das 23-fache höher ist. Im Vergleich dazu ist die Flächenausstattung nur achtmal so hoch.“ (HOFSTÄTTER, 2008, S. 60f) Als maßgebliche Ursachen für diese unterschiedlichen Betriebsergebnisse werden unter anderem das flächenbezogene Ausgleichszahlungs- und das derzeit geltende Sozialversicherungssystem genannt, die beide auf eine überproportionale Begünstigung größerer Betriebe abzielen.


[1] Die im Artikel angegebenen Kapitelverweise beziehen sich auf die Dissertation:
ENGELHART, R. (2017): „Sozialkapital und Hofnachfolge in bäuerlichen Betrieben – eine empirische Untersuchung im Bezirk St. Pölten“, Universität für Bodenkultur, Wien

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